Foto: Karen Rösch

Die Stralauer Kirchenmusik ist seit vielen Jahren eine etablierte Veranstaltung der Gemeinde Boxhagen-Stralau. Unser Regionalkantor Justus Eppelmann organisiert und begleitet diese Veranstaltung. Für die Veranstaltungen wird Unterstützung z.B. für den Einlass und für die Organisation gesucht. Bitte wenden Sie sich für weitere Informationen an Regionalkantor Justus Eppelmann.

Nächste Termine:

Sonntag, 23. Juni, 18:00 Uhr Dorfkirche Stralau

„O notte o ciel – Venezianischer Barock und improvisierte Renaissance“
Konzert mit einem Studierendensensemble der UdK
Leitung: Prof. Ariane Jeßulat

Der Eintritt ist frei, eine Spende für die Kirchenmusik wird erbeten

Notre Dame, der Dom von Florenz, San Marco in Venedig – allesamt Kirchenräume, die in unserer Vorstellung von Musik durchdrungen sind. Von komplexer Musik, die uns heute fremd ist, und die auch damals nicht jedem zugänglich war. Die Sänger (cantores), meist Männer und Knaben waren seit dem Kindesalter an sogenannten „Scholae“ oder „Scuole“ ausgebildet und sangen zu den Gottesdiensten wesentlich häufiger als das heutzutage der Fall ist. Doch – wie haben sie geprobt? Halbstündige Messen singen in Zeiten, in denen Papier kostbar war, an Kopieren nicht zu denken? Arbeiten mit einem 30 Personen starken Chor bei schlechter Beleuchtung? –Natürlich existierten Noten, allerdings in Stimmbüchern, d.h. Kompendien, in denen eine oder mehrere Stimmen hintereinander (nicht untereinander!) abgedruckt waren. Einen „Überblick“ wie heute vor dem Orchester oder vor dem Chor gewann man auf keinen Fall beim Lesen der Noten, und schon gar nicht schnell, sondern vor allem auswendig und langsam. Super librum cantare bedeutet demnach, dass alle auf ein Buch mit einer einstimmigen Melodie herabschauen und dazu weitere Stimmen aus dem Stegreif hinzuerfinden.

Dazu erlernte man die seit 1025 bekannte, von Guido von Arezzo erfundene Methode der Solmisation, eine Art klingende Notenschrift, die analoge Tonleiterausschnitte von sechs Tönen (Hexachorde), derart miteinander verkettete, dass der gesamte Tonvorrat der damaligen Zeit erschlossen werden konnte. So wusste jeder Sänger, meist auch schon ein Stück im Voraus, was die anderen gerade sangen oder vorhatten, da jede Tonsilbe auch ihre ganz bestimmten Tendenzen der Fortführung hatte.

In diesem Konzert singen Studierende verschiedenster Studiengänge der UdK Berlin, die diese alte Technik der mehrstimmigen Vokalimprovisation wiederbeleben. Unter Zuhilfenahme alter Lehrbücher, aber auch nach dem Vorbild komponierter Werke, die improvisatorisch überformt werden, sind wir auf der Suche nach kreativen Freiräumen, die den Stil erhalten, die Singenden aber nicht allzu eng auf ganz bestimmte Tonhöhen und Rhythmen einschränken, sondern immer wieder Spontaneität zulassen. Meist entwickelt sich eine Improvisation aus dem Umkreisen einer Original-Zeile von Maddalena Casulana oder Monteverdi oder einer anderen Meisterin oder eines anderen Meisters der Renaissance oder des Barock– eine musikalische Meditation im engsten Sinne. Größte Freiheit bieten die Duos den Ausführenden: Hier kann es melancholisch, lustig, bizarr, obsessiv, erzählerisch, verliebt, klagend zugehen, die musikalischen Charaktere sind ebenso reich wie in einem Renaissance-Tableau. Die Stralauer Kirche bietet für diese musikalische Zeitreise die ideale Akustik und Umgebung.

Ariane Jeßulat studierte an der Hochschule der Künste Berlin und an der Freien Universität Berlin Schulmusik, Gräzistik und Musiktheorie. Seit dem Sommersemester 2015 lehrt sie an der Universität der Künste Berlin. Ariane Jeßulat ist Mitglied in dem Ensemble für experimentelle Musik und experimentelles Musiktheater Die Maulwerker. Seit dem Jahre 2007 arbeitet sie mit Studierenden an der Wiederbelebung mehrstimmiger Vokalimprovisation des 15.-17. Jahrhunderts und gibt international Workshops zu vokaler Improvisation in der Renaissance. Mit dem Ensemble Le Bois Chantant gewann sie im Oktober 2022 in Salzburg einen Förderpreis der Gesellschaft für Musiktheorie für Improvisation im Ensemble.